Interview mit den Forschern Prof. Dr. Rita Schmutzler und Prof. Dr. Christian Reinhardt

Sie forschen gegen den Krebs. Bitte erläutern Sie uns doch kurz, was genau Ihre Aufgabengebiete sind und welche konkreten Ziele Sie mit der Forschung verfolgen.

Prof. Dr. Schmutzler: Ich bin spezialisiert auf den erblichen Brust- und Eierstockkrebs. Das sind Krebserkrankungen, die durch eine genetische Veranlagung bedingt sind. Frauen, die solch eine Veranlagung haben, tragen ein deutlich erhöhtes lebenslanges Risiko, an Brustkrebs oder Eierstockkrebs zu erkranken. Die konkreten Ziele, die wir bei der Betreuung der Frauen verfolgen, sind zum einen die genetischen Ursachen weiter aufzuschlüsseln – denn wir kennen bisher nur einen Teil der Gene, die dafür verantwortlich sind – zum anderen aber auch präventive Maßnahmen anzubieten, um entweder das Ausbrechen der Erkrankung zu verhindern oder zumindest die Krankheit so früh zu erkennen, dass sie heilbar ist. Auch suchen wir nach neuen Therapien, um diese erbliche Subform gezielter und somit besser behandeln zu können als bisher.

Prof. Dr. Reinhardt: Ich bin Arzt und Gruppenleiter im Uniklinikum Köln im Bereich allgemeine onkologische Patientenversorgung. Mein Forschungsschwerpunkt liegt deswegen auch auf der Grundlagenforschung und nicht auf einer speziellen Krebsart. Darüber hinaus bin ich auch in der Lehre aktiv. Momentan bin ich im Begriff eine Professur an der Uniklinik Köln zu bekommen. Ich bin im Moment noch Privat-Dozent. Ganz banal gesprochen sind die Hauptziele unserer Forschung, zu charakterisieren, welche genetischen Veränderungen wirklich zu einer Krebserkrankung führen. Denn bei einem Genom gibt es oft hunderte von Mutationen, wobei vielleicht nur fünf wirklich für das unkontrollierte Wachstum von Krebszellen verantwortlich sind. Diese wollen wir als Zielstrukturen für personalisierte Krebstherapien zugänglich machen.

Was ist Ihr größter Meilenstein bisher?

Prof. Dr. Schmutzler: Der größte Erfolg, den wir nach mittlerweile 15-jähriger Arbeit erzielt haben, ist, dass wir innerhalb des Verbundes, den die Deutsche Krebshilfe fördert, das dritte Brustkrebsgen entdeckt haben. Dies ist auch ein wichtiger Beleg dafür, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Hochrisikogene gibt. Diese konnten bisher auch deshalb, nicht gefunden werden, da die methodischen Voraussetzungen und unsere Erkenntnisse bislang noch nicht so weit waren. Aber wir sind sehr optimistisch, dass dies mit den neuen Techniken jetzt möglich sein wird.

Prof. Dr. Reinhardt: Wir entwickeln momentan Therapien für Tumoren, die als extrem resistent gegen Chemotherapien gelten. Das sind Tumorem, die das sogenannte p53-Gen inaktiviert haben. Menschen, die einen solchen Tumor haben, bekommen leider oft eine schlechte Prognose. Mit der Zugabe eines zweiten Moleküls in Kombination mit Chemotherapie konnten wir solche Tumoren deutlich schädigen, sogar fast so erfolgreich, wie die normalen Tumoren.

Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft und Ihre Motivation im Kampf gegen den Krebs?

Prof. Dr. Schmutzler: Die wissenschaftliche Arbeit in einem tollen Team macht jeden Tag aufs Neue viel Freude. Meine Motivation ziehe ich aber hauptsächlich aus der Betreuung der betroffenen Familien, die zum Teil schon in der zweiten Generation bei uns sind. Jede einzelne Familie, bei der wir sehen, dass wir etwas bewirken, vielleicht den Krebs sogar verhindern konnten , früh erkennen oder lebensverlängernd helfen konnten, ist für mich Motivation genug.

Prof. Dr. Reinhardt: Zum einen macht mir die Laborarbeit total Spaß, vor allem dann, wenn man die großen Erfolgserlebnisse hat. Die sind zwar selten, aber umso schöner, wenn man sie erleben darf. Wenn man im Labor steht und man sieht etwas zum ersten Mal, als erster Mensch überhaupt, ist das schon ziemlich überwältigend. Zum anderen aber auch die klinische Arbeit, also die Arbeit mit Patienten, treibt mich an. Wenn man weiß, dass man diesen kranken Menschen helfen kann, ist das sehr motivierend.

Haben Sie auch im persönlichen Umfeld schon Erfahrungen mit der Krankheit gemacht, z.B. betroffene Freunde oder Familie?

Prof. Dr. Schmutzler: Es gibt heutzutage kaum jemanden, der das nicht schon selbst im Bekannten- oder Verwandtenkreis erlebt hat, wenn die Familie nicht gerade sehr klein ist. Ja, ich habe auch persönlich Erfahrung damit, sogar im allerengsten Familienkreis hat jemand derzeit einen Hirntumor. Aber auch in diesem Fall gibt es noch Möglichkeiten etwas zu verbessern, auch wenn es primär um Lebensverlängerung bei akzeptabler Lebensqualität geht.

Prof. Dr. Reinhardt: Ja habe ich. Ich denke fast jeder hat in der Familie Tumorpatienten. Als ich jünger war, habe ich zwei Tanten und auch meinen Opa durch Krebs verloren. Es war eine schlimme Zeit, aber diese Erfahrungen waren nicht unbedingt alleinige Triebfeder für mein heutiges Tun.

Ist dies Ihr erstes Engagement im Kampf gegen den Krebs und was motiviert Sie neben der persönlichen Geschichte?

Prof. Dr. Schmutzler: Natürlich arbeiten wir schon lange eng mit der Deutschen Krebshilfe zusammen und da gab es in den letzten Jahren sehr viele Aktionen, an denen ich auch beteiligt war. Wir kämpfen auf vielen Ebenen gegen den Krebs. Bisher habe ich mich auch schon sehr stark in der Selbsthilfe engagiert. Allen voran ist das bei uns das BRCA-Netzwerk, das Betroffenen Hilfe bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs bietet. Die Kooperation mit dem BRCA-Netzwerk hat auch unsere Arbeit nochmals vorangebracht.

Prof. Dr. Reinhardt: Ich bin eigentlich nicht so der Medientyp. Aber als die Deutsche Krebshilfe mich gefragt hat, ob ich bei der Kampagne mithelfen möchte, habe ich natürlich zugesagt. Ich bin seit 10 Jahren in der Krebsforschung und Patientenversorgung tätig und da engagiert man sich auf irgendeine Weise ständig. Nur ist es diesmal eben das erste Mal, dass es für die breite Öffentlichkeit geschieht.

Welchen Ratschlag zum Umgang mit der Krankheit würden Sie Betroffenen/Angehörigen geben?

Prof. Dr. Schmutzler: Ganz vorne weg steht der Ratschlag für Angehörige: Zuhören können, nichts vertuschen, nichts verschweigen, vor allem auch Raum für Wut und Trauer lassen, das muss raus. Wenn erst mal der erste Schock vorbei ist, dann geht es ja in Richtung Therapie. Da ist es wichtig, dass man für die Betroffenen da ist, beisteht und nach der Therapie dann – wenn es hoffentlich gut verlaufen ist – im Alltag auf denjenigen zugeht und realisiert, dass das Leben für diese Person nicht mehr ganz so ist wie früher. Es ist wichtig, Mut zu machen und sich auch trauen zu sagen: „So, jetzt müssen wir mal wieder gemeinsam lachen!“ Offenheit, zuhören können und Raum für Emotionen lassen, das ist wichtig.

Prof. Dr. Reinhardt: Das kann man kaum pauschalisieren. Es gibt so viele verschiedene Krebsarten. Wenn man eine Diagnose bekommt, ist es wichtig, dass man sich in einem Zentrum behandeln lässt. Beim Wort Krebs bricht für viele eine Welt zusammen, obwohl es heutzutage schon gute Behandlungsmöglichkeiten gibt. So schlimm das alles ist, ist es für die Angehörigen wichtig, dass man versucht mit Ruhe und Gelassenheit an die Sache ranzugehen und sich über die Prognose und die optimale Therapie genau zu informieren. Das geht oft nur über eine lange Zeit und mit Hilfe vieler Gespräche, aber diese Zeit brauchen die Patienten einfach.

Die Deutsche Krebshilfe wird 2014 40 Jahre. Was sind für Sie die wichtigsten Aspekte, die Sie mit der Deutschen Krebshilfe verbinden.

Prof. Dr. Schmutzler: Mit der Deutschen Krebshilfe arbeite ich seit über 15 Jahren zusammen. Meine Arbeitsgruppe und das gesamte Zentrum hier werden durchgängig von der Deutschen Krebshilfe gefördert. Ich hatte auch längere Zeit eine Stiftungsprofessur der Deutschen Krebshilfe und ich kann ganz sicher sagen, dass das Zentrum, das wir hier aufgebaut haben – und damit auch die Forschungserfolge – so nicht bestehen würden, wenn wir nicht die Fördergelder der Deutschen Krebshilfe hätten. Allein aus den Mitteln unseres Gesundheitssystems wäre das nicht möglich. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, ist die interdisziplinäre Betreuung von Tumorpatienten in Deutschland Spitzenklasse. Und das natürlich nicht zuletzt dank der Deutschen Krebshilfe.

Prof. Dr. Reinhardt: Die Deutsche Krebshilfe ist ein wahnsinnig guter Katalysator für viele innovative Projekte. Die Deutsche Krebshilfe wird vor allem durch die Bevölkerung getragen und nicht durch die Politik, was ich wirklich fantastisch finde. Der Campus hier in Köln wird sehr stark durch die Deutsche Krebshilfe gefördert. Neben anderen Standard-Förderinstrumenten in Deutschland ist die Deutsche Krebshilfe im Vergleich wirklich an einem sehr innovativen Punkt angelangt und kann auch als Vorbild dienen. Vor allem im Bereich der Krebsmedizin oder Tumorbiologie ist die Deutsche Krebshilfe ein unverzichtbares Standbein für uns.

Viele Leute glauben, dass Krebs mittlerweile leicht zu besiegen ist. Trotzdem sterben noch immer viele Menschen daran. Glauben Sie, dass Krebs irgendwann komplett und in jedem Fall heilbar sein wird?

Prof. Dr. Schmutzler: Das wäre schon sehr optimistisch. So optimistisch bin ich derzeit nicht. Es ist natürlich ein Wunsch, den wir alle hegen, aber ein konkretes Ziel in der nahen Zukunft ist für uns, die Erkrankung in eine chronische Erkrankung zu verwandeln. Das heißt, Medikamente zur Verfügung zu haben, die mit geringen Nebenwirkungen langfristig die Tumorzellen eindämmen können. Das kennt man von anderen chronischen Erkrankungen, z.B. Rheuma oder Diabetes. Das ist es, was wir uns als erklärtes und realistisches Ziel für die nähere Zukunft gesetzt haben.

Prof. Dr. Reinhardt: Das ist wirklich schwierig, aber ich bin da guter Dinge und es ist vor allem jetzt eine Zeit, in der es richtig Spaß macht, in der Krebsforschung zu sein. Die Versprechen, die wir schon seit 30 oder 40 Jahren geben, fangen wir nun an einzulösen. In vielen Fällen können wir vielleicht noch nicht heilen, aber schon in eine lebenslange Krankheit überführen, die noch nicht einmal die Lebenserwartung dramatisch reduziert. Das wird in den nächsten fünf bis acht Jahren wahrscheinlich noch öfter der Fall sein, dass wir einen heute unheilbaren Patienten zu einem chronisch erkrankten Patienten machen können. Es ist unglaublich, was schon in den letzten fünf Jahren an erfolgreichen Medikamenten auf den Markt gekommen ist, und ich bin mir sicher, dass das so weiter geht.

Nennen Sie bitte Ihre drei wichtigsten Kraftspender im Kampf gegen den Krebs.

Prof. Dr. Schmutzler:
- Unsere bisherigen Forschungserfolge
- Das tolle Team, mit dem ich arbeite
- Die Nähe zu den betroffenen Familien 

Prof. Dr. Reinhardt:
- Der Wunsch, das Leid der Patienten zu lindern
- Meine Mitarbeiter
- Das Privileg, in einem solch tollen Job arbeiten zu dürfen

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz/diese Aufforderung: „Setzen Sie sich mit aller Kraft gemeinsam mit mir gegen Krebs ein, weil…“ 

Prof. Dr. Schmutzler:
 …auch Sie auf diese Weise dazu beitragen können, Leben zu retten und Leid zu mindern.

Prof. Dr. Reinhardt:
…ich glaube, dass Krebs eine Geißel der Menschheit ist, die wir mit gemeinsamem Aufwand in den nächsten 10 bis 15 Jahren deutlich zurückdrängen können.

Hier können Sie das Interview als PDF herunterladen.

 

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